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Balancieren

Tarifa: Ich balanciere auf der weißen Mauer der Brücke, die zum Strand führt. Vor meiner Nase liegt Marokko und ich verspüre einen ungeheuren Bewegungsdrang. Ich habe die letzten 25 Jahre gesessen in der Schule, in der Uni, auf Arbeit. Ich will mich bewegen, mehr denn je. Ich laufe barfuß kilometerweit den Strand entlang ohne Ziel.
Die Woche nach Thailand habe ich gebraucht um erst einmal durch zu atmen, die Mittelmeerluft zu riechen, den rauen Sand unter den Füßen zu spüren, das Rauschen der Wellen zu hören und das Salz auf meinen Lippen zu schmecken. Ich fühle absolutes Glück, grenzenlose Freiheit und Liebe. Und ich erkenne, was mir gefehlt hat. Alles ist perfekt, auch bei nur 17 Grad -rau und spröde, aber echt.
Dennoch ruft eine süße Stimme „Marokko“ und ich weiß nicht, wie lange ich ihr widerstehen kann -denn es liegt direkt vor meiner Nase ist zum Greifen nah.

Ariels letzten Tage 

Die letzten Tage bin ich von Pai Richtung Süden gereist, was schlaucht. Ich habe drei Stunden geschlafen und sitze im Minivan. Mein Schädel pocht. Aber es geht mir gut. Das erste mal verlasse ich einen Ort nicht wehmütig, sondern euphorisch. Der Gefühlskater der letzten Tage hat sich zurückgezogen. Nach der gestrigen Hikingtour mit der Gruppe zum Wasserfall in Pai ist mein Kopf endlich frei und ich fühle mich leicht.
Ich komme im Regen in Krabi an und realisiere, dass hier noch Monsun herrscht. Kurzzeitig wünsche ich mich in das sonnige Pai zurück und flüchte weiter Richtung Ao Nang und dann nach Railley.
Der Wind zerzaust mein Haar und das warme Salzwasser spritzt in das Longtailboot. Wir steuern auf Railley zu. Das Türkis des Wassers und die grünen Klippen ziehen mich in ihren Bann und lassen mich kurzzeitig alles vergessen -auch, dass es nur noch 4 Tage in Thailand sind.
Die unzähligen, kleinen, hellen Krebse verziehen sich in ihre Löcher im Sand, die aussehen wie Ornamente. Sie überziehen den gesamten Strand, genauso wie Touristen aus den Ressorts. Ebbe und Flut wechseln sich ab.

Shells und Kevin, die ich in Pai kennen gelernt habe, folgen mir nach Railley und dann nach Ton Sai zum Klettern. Doch wie so oft, macht uns der Regen einen Strich durch die Rechnung. So gehen wir nachts bei Regen im warmen Meer schwimmen und sie nennen mich Ariel. Mir hat das Meer im Norden gefehlt, aber nun fehlen mir die Sterne am Himmel und das Alleinsein.
Wir fahren zu dritt in einem Kajak, teilen uns ein Bett in einer Bambushütte, eine Flasche Rum und die erste Lebensmittelvergiftung. Meine letzten Tage verbringe ich mit Übelkeit, Schüttelfrost und zum ersten Mal in meinem Leben mit Heimweh im Bett.
Dieser Ort hier fordert mich und ich denke es wird Zeit nach Hause zu kommen, denn inzwischen bin ich unglaublich müde.

Salzig

Susy hat eine Salzkruste und mir ist immer noch latent schlecht.
Nachdem in Rom unser Gas alle war, nachdem Roxy in den Flieger nach Hamburg gestiegen ist, hat es angefangen zu regnen. Das ist keine Metapher, ich hatte noch gute Laune und Lust auf das Unbekannte was vor mir liegt – es hat nur schlicht und einfach geregnet.
Nach zwei Tagen nassem Grau und 8 Grad wurde es mir dann aber doch zu viel und zudem sorgte das Wetter dafür, dass Susys Solarpanel nicht genug Strom lieferte. Tagsüber arbeiten und nachts Netflix gucken war einfach nicht mehr möglich – manchmal kann das Leben sehr hart sein.
Ein Blick auf die Wettervorhersage sagte mir, dass der Regen die nächsten Tage so bleiben wird. Ein Blick auf die Karte sagte mir, dass Korsika untenrum auf dem gleichen Breitengrad endet wie Rom. Also beschloss ich kurzerhand meinen Plan zu verwerfen und fuhr nach Barcelona.
Die überfahrt von Civitavecchia, mit einem kurzen Stop in Porto Torres, kostet für eine Person und ein Wohnmobil knapp 200€ und dauert 20 Stunden. Sieben vom italienischen Festland bis Sardinien, weitere 13 bis nach Spanien. Diese 13 verflixten Stunden fuhren wir großteilig durch echt beachtliche Wellen.
Ich liebe Wellen! Je größer desto besser! Gib sie mir roh und rau! Aber dieses mal war es zu viel für mich. Die meiste Zeit habe ich, leicht winselnd und Podcast hörend, auf einem Sofa gelegen und mir nichts sehnlicher gewünscht als ein ebenes Stück Asphalt.
Die arme Susy stand derweil ganz außen auf dem offenen Autodeck und trägt nun die Kruste jeder einzelnen Welle, die wir genommen haben – jetzt wo ich das schreibe klingt das eigentlich ganz verlockend, vielleicht sollten wir nächstes mal die Plätze tauschen.
Susy steht in Barcelona am Strand
Das liegt nun aber hinter uns. Jetzt sitze ich in der Sonne und die Batterien werden neu geladen. Das ist ebenfalls keine Metapher, das Solarpanel arbeitet auf Hochtouren und mir ist angenehm warm. Am Strand singt und trommelt eine afrikanische Gruppe, es wird Beachvolleyball gespielt, gesegelt, sich gesonnt. Nur ich schein der einzige zu sein, der im November zwischendurch einfach so in den Wellen planscht. Ich liebe Wellen – immer noch.

© 2018 Susy

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